Nicht nur für Promis: Entführungs- und Lösegeldversicherung - The Broker

Nicht nur für Promis: Entführungs- und Lösegeldversicherung

Nicht nur für Promis: Entführungs- und Lösegeldversicherung
Bild Sheila Sund auf flickr

Entführungen sind eine der am schnellsten wachsenden globalen Bedrohungen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Von den jährlich öffentlich bekannten über 30’000 Entführungen weltweit werden mehr als 70 Prozent durch eine Lösegeldzahlung beendet. 90 Prozent der Opfer überleben. 

Eine Kidnap and Ransom-Versicherung (Entführungs- und Lösegeldversicherung) erstattet im Fall einer Geiselnahme das Lösegeld. Sie deckt aber auch die Kosten für Vermittler*innen, Dolmetscher*innen sowie Ärzt*innen und Psychiater*innen zur Nachbetreuung ab. Die Risikogebiete ändern sich aufgrund der rasch verändernden politischen und ökonomischen Gegebenheiten ständig. Die SCR-Rangliste 2020 der Länder, in denen das Risiko einer Entführung und Erpressung besonders hoch sind: 

  1. Nigeria 
  2. Mexiko 
  3. Irak
  4. Venezuela 
  5. Kolumbien 
  6. Demokratische Republik Kongo 
  7. Afghanistan
  8. Kamerun 
  9. Mosambik
  10. Philippinen
SRC’s data is collected from both client incidents and open source gathering by our analyst team.

Elf Prozent der Entführten waren Ausländer*innen, 64 Prozent Männer, 36 Prozent Frauen. Die britische SCR Special Contingency Risks ist die weltweit grösste Versicherungsbrokerin für Entführung und Lösegeld. Mehr als 70 Prozent der Entführungen haben einen kriminellen Hintergrund. Diese können relativ einfach mit Lösegeldzahlungen beendigt werden, wobei die Versicherer im Schnitt nur zehn Prozent der ersten tatsächlich erfolgten Forderung zahlen müssen. 

Seit Neuestem bietet die SCR ein neues Kidnap and Ransom-Produkt an, welches sich speziell an den europäischen- und US-Markt richtet und für Prominente wie, Sänger*innen, Pop-Bands, Sportgrössen und Schauspieler*innen gedacht ist.

Wie helfen Versicherer bei einer Entführung?

Wesentlich ist die Unterstützung und Schulung bezüglich Verhalten der versicherten Personen vor einem möglichen Ereignis. Bei Eintritt einer tatsächlichen Entführung müssen die verschiedenen Beteiligten alarmiert und koordiniert werden: unter anderem Familienmitglieder, Bekannte und Betreuer*innen des Opfers, Polizei im Entführungsland, Polizei und Politik im Herkunfts-/Heimatsland des Opfers sowie Soldaten. Eine Aufgabe, die das Umfeld des Opfers schwer bewältigen kann. Die Entführung einer Key Person eines KMU-Betriebs kann zu dessen Konkurs führen, selbst wenn die entführte Person wieder frei kommt.

Ziele von Entführungen

Waren es früher begüterte Privatpersonen und ihre Familien, so sind heute vorwiegend Unternehmen, unabhängig von ihrer Grösse, Ziel von Entführungen und Erpressungen. Besonders häufig kommt es zu solchen Fällen, wenn Mitarbeitende dienstlich im Ausland unterwegs sind. Immer mehr Firmen müssen dann schmerzhaft erleben, wie wichtig Absicherungen dieser Risiken durch Entführungs- und Erpressungsversicherungen sowie Krisenmanagement-Dienstleistungen sind. Angesichts der weltweit zunehmenden Gefahren benötigen international tätige Unternehmen sowie soziale Organisationen den Schutz erfahrener Expert*innen. Die tatsächliche Anzahl Fälle sowie deren stark steigende Zahl geben weder die Direktbetroffenen noch ihre Versicherungen aus Sicherheitsgründen bekannt. Bei seinen umfangreichen Recherchen stiess thebroker auf Schweigen, oder es wurde ihm untersagt über einzelne Vorfälle zu berichten. 

Beispiele entführter Schweizer Privatpersonen

Terrororganisationen aber auch Kriminelle versuchen zunehmend durch Entführungen Geld zu erpressen und/oder politische Forderungen durchzusetzen. Die Handlungsmöglichkeiten der Schweiz sind begrenzt, da für die Lösung von Entführungsfällen die lokalen Behörden zuständig sind und diese gegen Terrorismus ihre eigenen Prioritäten setzen. 

Der wohl bekannteste Schweizer Fall von Entführung war der im Sommer 2008 entführte Manager Max Göldi des Technologiekonzerns ABB in der Niederlassung in Libyen. Er sass 695 Tage im Wüstenstaat fest, davon ein halbes Jahr in libyschen Gefängnissen und die andere Zeit in der Schweizer Botschaft in Tripolis. Die Libyen-Affäre galt damals als die grösste diplomatische Affäre der jüngeren Schweizer Geschichte. Kurz zuvor verhaftete die Genfer Polizei nämlich Hannibal Gaddafi, Sohn des libyschen Diktators, in einem Genfer Nobelhotel und warf ihm vor zwei Hausangestellte misshandelt zu haben. Seine Schwester kündigte Rache an, die mit der Festnahme von Göldi nur vier Tage später eintraf.

Dass es jedoch auch weniger prominente Manager von Grossfirmen treffen kann, zeigen folgende Beispiele:

2010 wurde der bereits knapp seit zwanzig Jahren in Cuernavaca, Mexiko lebende Kleinunternehmer Olivier Tschumi aus dem Berner Jura während eines Hundespaziergangs entführt. Am Tag nach der Entführung zahlte die Familie ein Lösegeld von 10’000 Franken, ohne dass die Geisel dadurch freikam. Nach erfolgloser Suche glaubte die Schwester des Opfers laut Medienberichten nicht mehr an ein Auffinden ihres Bruders. 

2016 wurde eine Basler Missionarin in Mali entführt. Vier Jahre später ermordeten sie Mitglieder eines Ablegers der Terrororganisation Al-Kaida. Es war bereits ihre zweite Entführung, 2012 wurde sie von Islamisten verschleppt, kam aber wieder frei.

Glücklicher ging 2012 die Verschleppung des Ehepaars Olivier David Och und Daniela Widmer aus: Sie wurden nach über acht Monaten Geiselhaft durch pakistanische Taliban freigelassen. Zuvor hatte man sie im Nordosten von Belutschistan entführt. Obwohl sich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA dazu nicht äussern wollte, war aus pakistanischen Geheimdienstkreisen zu hören, dass Lösegeld bezahlt worden war. 

Im vergangenen Jahr wurde der Schweizer Daniel G. in Kolumbien entführt. Drei Monate später gelang dem kolumbianischen Militär seine Befreiung. Die Entführer forderten eine Million Dollar Lösegeld. Die Armee verhaftete ein Mitglied der Farc-Splittergruppe Columna Dagoberto Ramos. Aussenminister Ignazio Cassis schrieb im Anschluss auf Twitter: «Almost three months in the hands of Colombian hostage-takers: Swiss citizen is free. The FDFA thanks the Colombian authorities for their support» (Die Schweizer Geisel ist nach fast drei Monaten in den Händen von kolumbianischen Entführern wieder frei. Das EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) dankt den kolumbianischen Behörden für ihre Hilfe.)

Auswahl einiger in der Schweiz aktiven Kidnap and Ransom-Versicherer

Der Branchenführer Chubb sichert Dienstreisende und deren Familien auf der ganzen Welt mit einer Kombination aus Versicherungsschutz und Krisenmanagement-Expertise im Bereich Kidnap, Ransom und Extorsion KR&E ab. Chubb bietet umfassenden Deckungsschutz im Fall von Entführungen, Lösegeldforderungen, Erpressungen und weiteren Bedrohungen von Mitarbeitenden und deren Eigentum sowie Expertise im Bereich Entführungs-, Lösegeld- und Erpressungsversicherung an.

Die Schweizer Niederlassung der Kidnap and Ransom-Versicherung Aon Schweiz AG schützt Firmen seit 15 Jahren gegen Entführung, Erpressung, Freiheitsberaubung und Verkehrsmittelentführungen. Sie übernimmt die Kosten für Löse- und Erpressungsgelder, Informant*innen, Darlehenszinsen, Reisen, Betriebsunterbrechungskosten, Bedrohungsaufwand und die unlimitierten Kosten des Beratungsunternehmens.

Der Risikospezialist RMS Risk Management Service AG sichert Unternehmen mit Mitarbeitenden im Ausland, NGO’s und Privatpersonen mit seiner Kidnap & Ransom-Versicherung bei Entführungen und Erpressungen ab. Übernommen werden Lösegelder, Anwaltskosten, PR-Expert*innen, Gehälter sowie mediale und psychiatrische Unterstützung. Deckungserweiterungen für notfallmässige Rückführungen, Kosten bei Verschwinden bevor eine Forderung der Entführer*innen bekannt ist, Express Kidnapping (kurzfristige Entführung für Erpressung) und Kosten bei Bedrohungslage.

Die AIG Versicherung wiederum bietet ein globales Formular, welches eine konsistente und konforme Deckung bietet, wo immer der Kunde oder die Kundin tätig ist. Ihr Angebot ist eine Dachrichtlinie, weshalb zum Wortlaut keine unnötigen Einschränkungen hinzugefügt werden, damit Reiseziele bereits im Vorfeld abgedeckt sind. Das Produkt Kidnap, Ransom and Extortion unterstützt die Familie und das Unternehmen des Opfers bei unmittelbaren und anhaltenden Folgen. Die AIG bietet weltweit einen 24-Stunden-Service, um den Vorfall zu verwalten, plant potentiell gefährliche Einsätze und unterstützt bei Terrorismusbekämpfung und anderen Sicherheitsdiensten.

Geht die Schweizer Landesregierung auf Lösegeldforderungen ein?

Ein Staat müsse Lösegeldforderungen ablehnen, um nicht weitere Bürgerinnen und Bürger zu gefährden und die Täterorganisationen nicht zu stärken. Deshalb bezahle die Schweiz ausnahmslos nie Lösegeld, so die offizielle Haltung des EDA. Genau das Gegenteil behauptete jüngst Alt Bundesrat Moritz Leuenberger in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. Darin deutete er an, dass die Schweiz durchaus für Geiseln Lösegeld bezahle. Die Bundesanwaltschaft erwägt nun gegen den ehemaligen Magistraten eine Untersuchung wegen Amtsgeheimnisverletzung einzuleiten, was einer indirekte Bestätigung seiner Aussage gleichkommt.

Binci Heeb

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